
Letzte Nacht hast du mich angerufen.
Gefragt, ob ich zuhause bin, du wärst gerade in der Nähe und möchtest dir deine Shirts abholen.
Um drei Uhr nachts.
Ich sagte, du sollst nicht kommen, wenn es dir nur um die Shirts geht.
Ich werde dir die Shirts schon schicken, keine Sorge. Du brauchst nicht zu kommen. Um drei Uhr nachts.
Du sagtest, die Shirts seien der Hauptgrund, warum du kommen möchtest.
Ich sagte dir noch mal, dass ich dir die Shirts schicken werde, ich möchte nicht, dass du dafür extra kommst!
Aber du meintest, wir werden darüber reden, wenn du da bist. Ich könnte dir schon mal die Tür aufmachen, du wärst gleich da.
Normalerweise würde mein Herz in die Höhe springen, ich würde nervös schnellstens unter die Dusche und versuchen, nicht wie um drei Uhr nachts üblich auszusehen.
Aber diesmal stand ich einfach nur da. Zehn Minuten lang, angewurzelt, wusste nicht, was das für ein seltsames Gefühl war, das sich gerade über mein Herz hermachte.
Und als ich deine Schritte im Treppenhaus hörte, überkam mich ein Schauer und ich wusste es. Ich hatte Angst. Unglaubliche Angst, gemischt mit Stagnation.
Wie ein Sklave, der die neuerlichen Bestrafungen seines Herren fürchtet, sie aber schon so gewöhnt ist, dass er mit hängendem Kopf freiwillig zur erhobenen Hand schreitet.
Ich hatte Angst, du würdest mich wieder verletzen. Kommen, mir wieder deine Liebe zeigen, aber dein Mund würde verschlossen bleiben, bis auf den Abschied, wenn wir beide wieder nicht wissen, was zum Teufel wir jetzt tun oder sagen könnten.
Ohne den anderen zu verletzen, ohne uns selbst zu verletzen.
Der Abschied ist das Schlimmste.
Während unseren Gesprächen, die so wunderbar vertraut waren, wie immer, und ich mein Kinn auf dein Knie stützte, weil ich mich nicht gleich in deine Arme werfen wollte, und du meinen Fuß mit leichten Berührungen kitzeltest, entstand plötzlich dieser Ausdruck auf deinem Gesicht, dieses unglaubliche Lächeln, das bei mir immer den Eindruck erweckt, ich hätte dich kurz aus deinem Käfig gelassen.
Ich konnte dich überreden, ein wenig zu schlafen, bevor du wieder nachhause fährst.
Ich mache mir immer Sorgen um dich, wenn du Auto fährst, vor allem spätnachts, die vielen Unfälle, die du schon gehabt hast, sprechen Bände.
Wir lagen im Bett, weder du noch ich waren geduscht, ich hatte mich, zugegebener Maßen, nicht mal rasiert. Sobald ich mit dir schlafe, entsteht sofort wieder dieses riesige Glücksgefühl, und ich werde verletzlich.
Anhänglich, sanft, angewiesen auf deine Güte und Zärtlichkeit. Wie ein willenloser kleiner verletzter Hund, der seinem Retter hilflos ausgeliefert ist.
Du warst über mir, du lächeltest wieder, und plötzlich überkam mich dieses Gefühl… es war dasselbe Lächeln, das du in jener ersten Nacht hattest, die ganze Nacht lang, und auch noch, als du beim Gehen warst. Es war dasselbe Lächeln, das du immer hast, wenn du mir einst nach dem Sex in die Augen gesehen hast und sagstest „Ich liebe dich“.
Nur hast du es diesmal nicht gesagt. Du hast mich mit deinem verzauberten Lächeln minutenlang angestarrt, deine Augen sprühten vor lauter Worte, aber aus deinem Mund kam nichts, außer diesem riesigen Lächeln. So voller Wärme, Vertrauen, Geborgenheit, Sicherheit, Liebe.
Du schienst so unendlich glücklich.
Doch deine Angst hat dich davon abgehalten, etwas zu sagen. Irgendetwas. Deine Stimme war wie gelähmt.
Tränen standen mir in den Augen, als ich alles in deinen Augen las, was du nicht sagen konntest.
Es war, als könnte ich so tief in dein Herz sehen, ein direkter Blick zu deiner Seele.
Warum hast du nur nichts gesagt?
Dann hättest du dich vor dir selbst rechtfertigen müssen.
Beim Abschied sagtest du, du müsstest erst wissen, wo du stehst.
Doch ich glaube, das weißt du doch schon längst.
Wüsste ich nur, was in dir vorgeht, welches Detail ich übersehen habe, dass das alles erklärt.
Vertraust du mir nicht ganz? Hast du Angst, dass, wenn du alles für mich aufgibst, deinen Betrieb, dein Zuhause, deine Familie, deine Heimat und mit mir ins Ausland gehst, ich dich einmal verlassen könnte und du allein, ohne irgendwas dastehst?
Du hast mich nie gefragt, ob ich unter irgendwelchen Umständen daran denken könnte, hier zu bleiben.
Es ist noch nicht mal sicher, dass ich überhaupt gehe!
Aber ich glaube, ich würde nicht bleiben, auch, wenn du mich bitten würdest.
Zumindest würde es eine sehr schwere Entscheidung werden und das weißt du sehr genau.
Deshalb hast du nie gefragt.
Als ich in die Arbeit musste, mich verabschiedete, meintest du, am besten wir verbleiben, wie zuvor.
Ich wünschte, du hättest das nicht gesagt.
Am besten, du hättest gar nichts gesagt.
Und hättest so nicht den Moment zerstört.